Glie­de­rung

Über­le­gun­gen zu Memo­ria und Pro­pa­ganda am Bei­spiel roma­ni­scher Fas­sa­den­re­liefs

Von Ulrike Kal­baum

 

Im Klos­ter­mu­seum von Hirsau befin­det sich ein recht­ecki­ges, skulp­tier­tes Frag­ment mit einer fast lebens­gro­ßen Figur in Hoch­re­lief, die mit ange­win­kel­ten Knien, gebeug­tem Rücken und zum Gebet erho­be­ner Hand von ihrer lin­ken Seite zu sehen ist. Ihr leicht erho­be­ner Kopf wird von einer Haar­tracht aus par­al­lel lie­gen­den Wül­sten bedeckt, die über den nicht mehr vor­han­de­nen Ohren enden. Aus­ge­sto­chene Pupil­len in kreis­run­den Augen, eine kräf­tige Nase und eine Kerbe als Mund geben dem läng­li­chen, spitz zulau­fen­den Gesicht ein star­res Aus­se­hen. Eine Ton­sur und ein Bart sind nicht zu erken­nen. Das unver­zierte, boden­lange Gewand, das die Gestalt trägt, weist weder eine Kapuze auf, noch wird es von einem Gür­tel gehal­ten. Wäh­rend es am Arm eng anliegt, lässt es den Rumpf wie auf­ge­bla­sen wir­ken und legt sich nur auf der Rück­seite unter­halb der Knie in vier wuls­tige Fal­ten. Die Kon­tu­ren des Kör­pers wir­ken dort, wo sie über­haupt zu erken­nen sind, ana­to­misch unbe­hol­fen: Der Hals ist über­längt, und der Ober­arm scheint zu feh­len, da der Unter­arm direkt in Höhe der Schul­ter ansetzt.

1 Hirsau frei
Hirsau Klos­ter­mu­seum: der „betende Mönch“
(Bild: Auto­rin)

 

Eine vor­sprin­gende Rah­men­kante zu den – nicht erhal­te­nen – Füßen des Beten­den dient als Stand­platte und ver­brei­tert sich zur rech­ten Seite. Bemer­kens­wert sind die über den Qua­der­rand hin­aus­ra­gen­den Fin­ger­spit­zen der erho­be­nen Hand. Wegen sei­nes Habi­tus und sei­ner erho­be­nen Hand wird der Dar­ge­stellte als „beten­der Mönch“ bezeich­net.

 

Der Stein ist circa 130 cm hoch, 65 cm breit und 42 (mit dem Relief der Figur 53) cm tief. Neben der beste­hen­den gro­ßen Aus­bruch­stelle am rück­wär­ti­gen Saum des Gewan­des wies er bei sei­ner Auf­fin­dung zahl­rei­che klei­nere Aus­brü­che und Absto­ßun­gen auf, die teil­weise ergänzt und über­malt wur­den. Im Gegen­satz zu den unebe­nen Sei­ten­flä­chen und der unre­gel­mä­ßig aus­la­den­den, unbe­ar­bei­te­ten Rück­seite wirkt seine auf­fal­lend glatte Ober­seite, die von den Fin­ger­spit­zen über­ragt wird, wie gesägt.

 

19281 wurde der Block am ehe­ma­li­gen Süd­west­turm der Peter und Pauls-Kirche des Klos­ters Hirsau zusam­men mit dem Frag­ment eines lie­gen­den Löwen aus­ge­gra­ben. Auf Grund des Fund­orts und ihres Bear­bei­tungs­stils, der Ähn­lich­kei­ten mit den Gestal­ten des ste­hen­den Nord­turms erken­nen lässt, wur­den die Skulp­tu­ren dem im 18. Jahr­hun­dert abge­bro­che­nen Süd­turm zuge­ord­net und als Beweis für des­sen Ver­zie­rung mit einem gleich­wer­ti­gen Figu­ren­fries, wie ihn der „Eulen­turm“ auf­weist, her­an­ge­zo­gen. Nur im Hin­blick auf die ursprüng­li­che Aus­rich­tung des Reli­efs bzw. des Beten­den fin­den sich unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen.

 

So ging Adolf Mett­ler, der den Stein bereits kurz nach der Auf­fin­dung in sei­nem 1928 erschie­ne­nen Kunst­füh­rer über Klos­ter Hirsau in einer Anmer­kung beschrie­ben hat, von einer ver­ti­ka­len Anbrin­gung aus: „Kürz­lich wurde am Fuße des Süd­turms ein Relief gefun­den, das nach Größe und Form als ein Mit­tel­stück aus dem ent­spre­chen­den Fries des zer­stör­ten Turms anzu­spre­chen ist. Es ist noch roher, ohne jedes orga­ni­sche Gefühl gear­bei­tet. Der Ober­kör­per der im Pro­fil gege­be­nen Figur beugt sich zurück, die Hände grei­fen nach oben, der untere Teil des Kör­pers ist zurück­ge­nom­men, die ganze Gestalt wie unter einer Last ein­ge­knickt. Die Haare und die Augen zei­gen die­selbe Behand­lungs­weise wie am Eulen­turm, aber Bart und Gür­tung des Gewands feh­len.“2 Zur Tätig­keit und zur Iden­ti­tät des Dar­ge­stell­ten äußerte er sich nicht.

 

Karl Grei­ner, in des­sen Gar­ten die bei­den Frag­mente gefun­den wur­den, deu­tete 1929 in sei­ner Geschichte des Klos­ters Hirsau den Beten­den als einen Novi­zen in welt­li­cher Klei­dung, da ihm Ordens­tracht, Bart und Ton­sur feh­len.3 Sei­ner Mei­nung nach macht der Novize, der halb­kni­end die Hände wie betend nach oben stre­cken würde, eine spe­zi­elle Form der Ver­beu­gung, die in den Con­sti­tu­tio­nes Hirsau­gi­en­ses als „ante et retro“ bezeich­net wird. Er zog in Erwä­gung, dass am Süd­turm – in Ana­lo­gie zum Nord­turm mit den Lai­en­brü­dern, die sei­ner dama­li­gen Auf­fas­sung zufolge ver­schie­dene Tätig­kei­ten aus­füh­ren – der Dienst der Mön­che zu sehen war. Da er den Beten­den als halb­kni­end und sich ver­beu­gend umschrieb, ging er offen­bar von sei­ner hori­zon­ta­len Aus­rich­tung aus.

2 Hirsau frei
Hirsau, Klos­ter­mu­seum: der „betende Mönch“ in hori­zon­ta­ler Aus­rich­tung (Bild: Auto­rin)
 

In einer Schrift von 1934, in der Karl Grei­ner den Figu­ren­fries am Nord­turm astro­no­misch zu deu­ten ver­suchte, beschrieb er den Stein mit der „mensch­li­chen Gestalt“ nur noch und ver­warf in einer Anmer­kung seine zuvor ver­mu­tete Deu­tung.4 Richard Stro­bel, der die roma­ni­sche Bau­plas­tik in der 1991 erschie­ne­nen Jubi­lä­ums­aus­gabe zur Hirsauer Klos­ter­kir­che bear­bei­tet hat, sah in der auf Fern­sicht ange­leg­ten Skulp­tur – dem „soge­nann­ten beten­den Mönch“ – ein Gegen­stück zu den Mit­tel­fi­gu­ren am Nord­turm, da er die vor­sprin­gende Kante zu ihren Füßen als Stand­platte deu­tete, die eine ursprüng­lich auf­rechte Anbrin­gung bele­gen würde. Gleich­wohl räumte er ein, dass die Hal­tung der Gestalt an eine Pro­sky­nese Erkl. erin­nern würde.5

 

Im Füh­rer des Klos­ter­mu­se­ums Hirsau aus dem Jahre 1998 wurde der Betende von Bri­gitte Herrbach-Schmidt und Clau­dia Wes­ter­mann als Mönch bezeich­net und die Ver­mu­tung geäu­ßert, dass auch er Teil eines Figu­ren­frie­ses am Süd­turm war.6 Auf die Dis­kre­panz zwi­schen der gebräuch­lich gewor­de­nen Bezeich­nung „beten­der Mönch“ und der Klei­dung der Gestalt, die wesent­li­che Merk­male eines Mönchs­ge­wan­des ver­mis­sen lasse, wies Richard Stro­bel in sei­nem Kata­log­bei­trag zur Canossa-Ausstellung 2006 hin.7 Wegen sti­lis­ti­scher Ähn­lich­kei­ten der Skulp­tur mit den bär­ti­gen Mit­tel­fi­gu­ren des Nordturm-Frieses zog er eine ent­spre­chende Stelle am abge­tra­ge­nen Süd­turm als Anbrin­gungs­ort in Erwä­gung. Dar­über hin­aus setzte Stro­bel erst­mals die ein­fach gear­bei­tete, betende Gestalt in Bezie­hung zum Auf­trag­ge­ber, dem Reform­klos­ter Hirsau, das sich maß­geb­lich dem Gebet und dem Toten­ge­dächt­nis gewid­met habe.

 

In mei­ner 2011 erschie­ne­nen Dis­ser­ta­tion über Tym­pana Erkl. in Süd­west­deutsch­land habe ich die Kör­per­hal­tung der kni­en­den und beten­den Gestalt als Pro­sky­nese inter­pre­tiert, die nicht ohne einen Bezugs­ge­gen­stand auf­wärts ins Leere, son­dern vor einer anbe­tungs­wür­di­gen Per­son aus­ge­führt wor­den sein muss.8 Folg­lich habe ich ver­mu­tet, dass der Betende ursprüng­lich waa­ge­recht ange­ord­net war. Da pros­ter­nie­rende Erkl. Gestal­ten in der roma­ni­schen Bau­plas­tik vor­wie­gend an Tym­pana ver­brei­tet waren und das ehe­ma­lige West­por­tal der Peter und Pauls-Kirche eine ent­spre­chende Größe auf­wies, habe ich in Erwä­gung gezo­gen, dass der Stein ein Teil des ehe­ma­li­gen Tym­pa­nons vom West­por­tal war und die ver­meint­li­che Stand­platte somit ein Rest der Bogen­feld­rah­mung. Den Dar­ge­stell­ten habe ich auf Grund sei­ner Klei­dung als Laien gedeu­tet, bei dem es sich in Ana­lo­gie zu ande­ren Knie­fi­gu­ren um einen Stif­ter oder den aus­füh­ren­den Künst­ler gehan­delt haben könnte.

 

Da die 1091 geweihte Peter und Pauls-Kirche ein­schließ­lich ihrer Vor­halle und des Süd­turms nicht mehr steht, lässt sich wohl nie mehr ein­deu­tig klä­ren, woher diese Skulp­tur ursprüng­lich stammt. Den­noch erscheint es loh­nend, anhand von Ver­gleichs­bei­spie­len aus der roma­ni­schen Bau­skulp­tur zu über­le­gen, wo der Betende ange­bracht gewe­sen sein könnte, in wel­chen Kon­text er gehört haben kann, wer der Dar­ge­stellte und wer der Auf­trag­ge­ber war und wel­che Absich­ten mit ihm mög­li­cher­weise ver­folgt wur­den.

 

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